Der kleine „Hans“

Ich habe mir letzens den “kleinen Hans” durchgelesen, ein Stück der Geschichte der (Kinder-)Psychoanalyse, welches auch heute noch hohe Achtung genießt als “erfolgreich” oder “vorbildlich” . Es beschreibt die Analyse eines 5-jährigen selbst. Hans ist übrigens dieser Mann hier gewesen. Seine Eltern gingen zum Herrn Freud, weil der kleine Hans sich ca. ab dem 3 Lebensjahr plötzlich nicht mehr auf die Strasse getraut hat und ausserdem eine ziemliche Angst vor Pferden entwickelte Freud wusste natürlich sofort: das Kind hat eine Sexualstörung und die hat irgendwas mit der unbewussten Beziehung zu seiner Mutter und seinem Vater zu tun!
Ich will die Analyse hier aber nicht paraphrasieren oder als Zusammenfassung wiedergeben, sondern gleich meine Gedanken dazu darlegen:

- Hans wird verboten, seinen Penis zu berühren, d.h. auch jegliche Masturbation wird untersagt bzw. negativ sanktioniert und im übrigen verächtlich gemacht. Sie wird ihm direkt schlecht geredet von der Mutter, aber auch indirekt vom Vater, der ihn immer und immer wieder darauf anspricht, d.h. in diesem Sinne in sein Intimstes einzudringen versucht. Hans darf jedenfalls nicht “einfach so” masturbieren. Ihm werden darob ständig Schuldgefühle nahe gelegt, die er anfangs noch nicht zu verstehen scheint, hernach aber immer mehr, wohl auch wegen der permanenten Traktierung. Freud begreift zwar, dass Hans irgend ein Problem mit seiner Masturbation hat, erwähnt aber zu keinem Zeitpunkt, dass dieses ständige Schlechtreden irgend etwas mit den Schuldgefühlen (und dessen Folgen) des kleinen Hans zu tun haben könnte; vielmehr sieht er diese Schuldgefühle bzgl. der eigenen Masturbation als einen ganz normalen Aspekt der kindlichen Sexualentwicklung an.
– Hans darf seinen Penis aber wegen noch etwas nicht berühren: er ist jüdisch und es gibt (orthodoxe) Richtungen im Judentum, bei denen allen Männern, bis sie verheiratet sind, untersagt ist, ihren Penis auch nur beim Pinkeln anzufassen (sie müssen freihändig pinkeln, was, wie ich mir habe sagen lassen, mit Vorhaut im Grunde nicht geht, da es eine Riesensauerei verursacht). Auch nach der Heirat herrscht hier keineswegs Freizügigkeit, allerdings darf der Mann seinen Penis beim Pinkeln anfassen, aber eben erst dann. Die Ursachen sind, soweit ich das in Erfahrung bringen konnte, zu verhindern irgend welche Lust durch Berührung des Penis hervorzurufen, auch bekannt als “unzüchtige Gedanken”. Es geht hierbei also um die Schaffung einer sogenannt prüden Sexualmoral, bei der Lust nicht auftreten darf ohne Sex zu Fortpflanzungszwecken. Anders gesagt ist die Disziplinierung der Sexualität das Ziel (d.h. auch: keineswegs ist die Unterdrückung der Sexualität das Ziel, sondern deren disziplinierte Produktion!) und somit auch deren Beherrschung. Der unterdrückende Aspekt ist nur der “Steigbügel” zur Beherrschung des Körpers.
– Hans hat wiederkehrend Unstimmigkeiten mit seinem Penis, der ihn zu gleich fasziniert und auch abschreckt. Was woher kommt, ist schwer zu sagen. Mit hinzuzählen muss man aber, dass er (wohl orthodox erzogen) mit Sicherheit beschnitten worden ist. Medizinisch ist bekannt, dass die Beschneidung zu einer Verödung der Nervenenden der Eichel führt, da die Vorhaut fehlt, die eigentlich diese Eichel schützen und vor allem feucht halten soll. Fehlt diese Feuchthaltung, veröden die Nevenenden allmählich (wie bei einer Drainage), es kommt zu einer Reduktion der Reizbarkeit der Eichel. Hans scheint aber sehr früh (anscheinend ums dritte Lebensjahr) mit dem Lustspiel an seinem Penis begonnen zu haben (soll heißen: er hat vielleicht einige Verluste der Gefühlsintensität ausgeglichen, aber das ist nur Spekulation). Jedenfalls dürfte auch diese Beschneidung irgend wie Auswirkungen (tiefenpsychologisch und physiologisch) gehabt haben. Kurz gesagt: Hans‘ Interesse an seinem Penis kann auch in medizinischen Spätfolgen der Beschneidung begründet liegen und diese wiederum können psychische Spätfolgen zeitigen.

- aus meinen weiteren Studien Freuds habe ich inzwischen auch den Eindruck gewonnen, dass es – wie auch beim kleinen Hans – eigentlich gar keine gesunde Form von Beschäftigung mit dem eigenen Geschlecht gibt, sondern gesund ist, wer es quasi total ignoriert. In der Psychoanalyse wird das wohl heute nicht mehr so rigide gesehen, aber Überreste der „Altväter“ verbleiben doch in jedem Denksystem (psychiatrische Anamnesen fragen bspw. immer noch nach der Masturbationsgeschichte des Patienten, was vor 1900 wohl kaum ein Arzt je gefragt hätte: nicht wegen der Prüderie an sich, sondern weil es damals noch als sehr niederes Thema galt – weniger „schmutzig“ als vielmehr intellektuell und wissenschaftlich idiotisch- sich mit diesem unwichtigen Nebending menschlicher Existenz zu beschäftigen; „revolutioniert“ wurde dies erst durch die „Psychopathia Sexualis“ von Krafft-Ebbing).

Diese drei (bzw. vier) Sachen erwähnt Freud zu keinem Zeitpunkt als irgend wie bedeutungsvoll. Damit meine ich: das Kind hat da etwas an seinem Körper, das ihm einerseits hohe Lust verschafft, andererseits als monster-artig eingeredet wird und er schleppt dieses Ding nun die ganze Zeit mit sich herum. Ebensowenig erwähnt Freud als bedeutungsvoll, dass Hans offenbar von der Mutter (vielleicht auch vom Vater) bisweilen geschlagen wird (“gezüchtigt”) und das wohl nicht eben gerade wenig. Ebenso wenig wird bedeutsam hervorgehoben, dass Hans offenbar immer wieder zeitweise sehr einsam und allein ist (er phantasiert sich seine Freunde vom Lande herbei und kann stundenlang mit ihnen erzählen; der Vater schließt darauf hin, es müsse wohl normal sein für das Kind, vor allem imaginäre Freunde zu haben…was eine gewaltige Einfühllosigkeit ahnen lässt).

Die Analyse des kleinen Hans ist allgemein vorstellbar als ein, für ein Kind recht erdrückender Zustand, da er ständig zu sehr vielem befragt werden muss (eben wegen der Analyse) bzw. zum Geständnis gebracht wird. Er hat in diesem Sinne nur sehr wenig “Ich” bzw. Eigenraum und Geheimnis, denn er solle ständig alles sprachlich veräußern. Wendet er sich einmal genervt deswegen ab, wird ihm das implizit zur Last gelegt als unflätiges oder absichtlich, auf Schädigung des Vaters ausgerichtetes Verhalten und seinem Vater schädigen zu wollen muss natürlich wieder irgend etwas mit dessen Penis zu tun haben usw..
Das Recht des Kindes, etwas einfach nicht erzählen zu wollen, wird so lange gebrochen, bis er geständig ist, sowohl seitens des Vaters wie seitens der Mutter (Freud ist dabei der Agent im Hintergrund) und diesem Geständnis wird dann volle Beweiskraft beigelegt. Teilweise nimmt diese Befragung paranoische Züge (seitens der Eltern) an, wie bspw. als Hans erzählt, dass er die schwarze und die gelbe Hose nicht mag, dann aber eine nicht ganz stimmige Geschichte erzählt. Der Wahrheit dieser Geschichte geht der Vater sofort quasiinvestigativ auf den Grund – befragt die Mutter dazu – und hält dem Hans die Wahrheit dann direkt vor. Aus Hans solchermaßen überführter unwahrer Aussage wird wiederum sofort geschlossen, dass es pathologische Wurzeln haben muss, dass er nicht die Wahrheit erzählt hat und die müssen wiederum irgendwas mit Vorstellung über Papas und Mamas kleines, schmutziges, nicht aussprechbares Geheimnis zu tun haben. Dass das Kind sich an diese Episode mit den Hosen nur falsch erinnert hat oder dass er vielleicht ob der Dauerbefragungen schlicht irgendwas geantwortet hat (als 4 1/2-jähriger) wird nicht in Betracht gezogen. Auf der Suche nach den „inneren“ Fehlern des Kindes wird diesem nicht zugestanden, in der Sprache auch nur einen einzigen zu machen: die eigene Sprache als Zeuge, Anwalt, Richter und Henker.

Weiterhin auffällig im Laufe der Analyse wird, dass Hans sich scheinbar zu fragen beginnt, was wohl alle Kinder in diesem Alter sich zu fragen beginnen: woher kommen die Babys? Während er nun stetig darauf hingedrückt wird, zu gestehen, was er über Männerwiwis und Frauenwiwis denkt – also über Penis und Vagina, die er bis jetzt nur fürs Urinieren kennt und deren richtige Namen er vor allem nicht kennt – wird ihm fortwährend erzählt: die Kinder brächte der Storch. Er wird also permanent zu seiner Einstellung zu den Zeugungsorganen als Zeugungsorgane befragt (denn es geht um seine “pathologische” Sexualität), dass es aber Zeugungsorgane sind, zu denen er da gestehen soll, das weiß er nicht. Hier ist ein klares Machtgefälle zu erkennen, im Grunde eigentlich ein ziemlich abgedrehtes, fast Alice-in-Wonderlandartiges Double-Bind, dessen negative Auswirkungen (Verwirrung, Unkenntnis, “Lüge”) in Hans gesucht und gefunden werden und werden müssen, dessen Ursachen (Prüderie der Eltern und Freuds, im weiteren Sinne schlechte Sexualaufklärung) aber ebenso in ihn “hineinprojeziert” werden – statt das Kind beim Namen zu nennen und zu sagen: liebe Eltern von Hans, hört auf ihn anzulügen, denn er ahnt schon was. Man möchte aber noch viel eher zu diesen Eltern, besonders dem Vater, sagen: hört auf, ihm stetig Suggestivfragen zu stellen, wofür eine Stelle exemplarisch zietiert werden solle:

Vater: »Hast du die Hanna [seine kleine Schwester] gerne?«

Hans: »O ja, sehr gerne.«

Vater: »Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die Welt gekommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der Welt ist?«

Hans: »Mir wär’ lieber, daß sie nicht auf die Welt gekommen wär’.«;

Vater: »Du warst doch überrascht, daß sie [Hanna bei der Geburt] so klein ist?«

Hans: »Ja!«

Vater: »Wie klein war sie?«

Hans: »Wie ein junger Storch.«

Vater: »Wie war’s noch? Wie ein Lumpf [=Umschreibung für Kot] vielleicht?«

Hans: »O nein, ein Lumpf ist viel größer . . . bissel kleiner, wie die Hanna wirklich.«;

hier hat der Vater also ganz unverhohlen gefragt: Hans, fandest du, deine kleine Schwester sah bei ihrer Geburt aus wie ein Stück Scheisse und sag mal Hans: würdest Du deine kleine Schwester gerne tot sehen oder doch lieber nicht so ganz??;

und weiter: Vater: »Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die Mammi, die Hanna oder mich?«

Hans: »Die Mammi.«

(man beachte: “niemanden” war gar nicht als Antwort möglich, alle Antworten aber drücken Wunsch nach Gewalttätigkeit gegen die eigene Familie aus und sind damit also pathologisch)

und daraus schließt Freud – woher und warum auch immer: Hans möchte “gravide Frauen” schlagen, d.h. schwangere. Ein vollkommener Fehlschluss, denn Hans weiß gar nicht, was “schwanger” (bzw. gravide) genau bedeutet, er weiß nicht, dass die Kinder nicht vom Storch kommen, d.h. zu meinen, Hans möchte also die Schwangere schlagen, um womöglich das Kind loszuwerden (dessen Geburt bedeutet, dass man ihm selbst weniger Aufmerksamkeit schenken wird, das hat er ja schon erfahren nach der Geburt seiner Schwester), ist vollkommen an den Haaren herbeigezogen, jedenfalls auf der Ebene des Wissens und folglich zielgerichteten Handelns betrachtet. Hans weiß nicht, dass der dicke Bauch seiner Mutter Schwangerschaft bedeutet, denn für ihn kommen die Kinder vom Storch, nicht aus der Mami.

Sollte Hans das wissen, so nur auf der Ebene vager Vermutung, die zudem in Kontradiktion zur erlebten Realität steht, in der Kinder nicht aus Frauen kommen, sondern von Störchen. Wollte er also einer vagen Vermutung nachgeben, nach der Kinder aus Frauen und nicht von Störchen kommen, so müsste er sowohl seinen Vater als auch seine Mutter als Lügner sich denken können, also im Alter von 4,5 Jahren die Autorität seiner Eltern in diesem Punkt vollkommen über den Haufen werfen. Das könnte ich mir als pathologischen, innerlich unbewussten, kräftezehrenden Konflikt vorstellen!. Aber ob der direkt etwas mit einer Angst vor Pferden zu tun hat, muss man dahingestellt lassen. Ich würde mir aber denken: ein Kind traut sich so etwas nicht wahrhaftig zu denken, weswegen die Angst davor irgendwo anders hingeschoben werden muss. Warum nicht auf ein Pferd?

Und selbst wenn man vollumfänglich zugibt, dass Hans im Unbewussten bereits wusste, woher die Kinder kommen (was wiederum nicht einiger Mystik entbehren würde!), so muss doch gerade auffällig sein, dass eben die Realität, also das bewusste Leben, welches stetig von Störchen spricht bzw. dieser Storch-Theorie nie widerspricht, vollkommen klarer Weise zu Konflikten in Hans führt, vor allem wenn er permanent danach gefragt wird! Aber bei Freud: nichts dergleichen.

Die letztliche Infantilität der Eltern, dem Kind die Wahrheit zu sagen (“durch Sex und von zwischen den Beinen!”) und die daraus entstehenden Konflikte, vor allem ausgelöst durch Hans’ permanente Befragung betreffend genau dieses Thema, wird als Schuld Hans aufgelastet.

Und keineswegs ist das “Verhalten damals ebenso gewesen”; schon Rousseau wusste in sehr einfach Worten zu sagen, woher die Kinder kommen (“Die Frauen machen es wie beim Pinkeln, nur dass es vielmehr weh tut, so als müsste man einen Stein auspullern.” – kein Storch hier, sondern es passiert zwischen den Beinen!)

Und als am Ende der Analyse und der Auflösung der Angst festgestellt wird, dass also die ganze Chose glücklich verlief, weil Hans sich seiner Irrationalitäten mehr oder weniger bewusst geworden sei, schreibt der wehrte Herr Papa dies noch als Nachbemerkung hinzu:

“7. Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die Heftigkeit der Angst aufmerksam gemacht werden, da man sonst sagen würde: »Hätte man ihn nur ordentlich durchgeprügelt, so wäre er schon spazierengegangen.” (d.h übersetzt.: wir konnten ihn wegen seiner starken Angst nicht noch mehr verprügeln, versucht haben wir es aber wohl, sonst wüssten wir ja nicht, dass das nicht funktioniert hat!)

Man kann hier wohl nicht verleugnen, dass Hans diese Angst von irgendwoher gehabt haben muss, die Angst davor, bei Ungehorsam (beim Spaziergang!) ordentliche durchgeprügelt zu werden, weswegen er schon gar nicht mehr vor die Türe will! Von irgend einer pathologischen Sexualität gegenüber sich selbst und den Eltern dürfte es aber wohl kaum gekommen sein, sondern von einer ziemlich pathologisierenden Erziehung, welche dem 3-4 jährigen Knaben nicht den Schutz gab, den es aufgrund seiner Angst vor diesen gewaltigen Tieren namens Pferd hatte: er hatte einmal eines stürtzen gesehen und wie wir alle wissen, kann schon das bloße Sehen eines gepeitschten Pferdes sogar Jahrhundertphilosophen in den Wahnsinn treiben – warum auch immer.

Angst vor Pferden dürfte in diesem jungen Alter aber nicht so ungewöhnlich sein und um wieviel mehr kann man Angst bekommen, sieht man einmal einen solchen “Koloss” niederstürtzen? Um wievieles stärker wird solche Angst, wenn man – wie der kleine Hans – direkt gegenüber einem Bahnhof wohnt, von dem aus ständig Pferdegespänne kommen und gehen? Um wieviel mehr wird man dazu noch Angst bekommen, wenn man unter Androhnung oder vielleicht tatsächlicher Ausführung von Prügel gezwungen wird, sich diesen seinen persönlichen, kindlichen Nachtmahren auf offener Strasse zu nähern? Und wieviel mehr wird man noch Angst bekommen, wenn man nicht recht weiß, ob die eigenen Eltern einen bei Angst vor diesen Wesen beschützen – oder aber gleich nochmals verprügeln?

Und wen kann es ernsthaft verwundern, dass ein Kind, welchem man stets erzählt, die Kinder kämen vom Storch, viel “irrationales” von sich gibt, wenn man es ständig daraufhin befragt, wie es denn die Sache mit dem eigenen Sex hällt und wie mit dem Sex der Eltern und Papis Penis und dem kleinen Schwesterchen aus dem Bauch der Mutter? Wie kann man überhaupt irgendwelche rationalen Denkmuster analysieren wollen, wenn die grundlegenden Erkenntnisse für das Erzeugen eines “normalen” Denkmusters noch gar nicht vorliegen, ja sogar die ganze Zeit aktiv verhindert werden? Wie soll man einen Menschen nach seinem Verhältnis zur Fortpflanzung und zur Lust auf Sex befragen können, wenn dieser Mensch weder von Sex weiß noch von Fortpflanzung im biologischen Sinne, sondern der “weiß”, dass alles hat irgendwie mit einem Storch zu tun, nicht mit Menschen?

Und noch viel wichtiger: wenn man das also gar nicht analysieren kann auf diese Weise: was hat man da dann eigentlich gemacht und zu welchem Zweck? Das werden wir wohl so schnell nicht erfahren.

Was wir aber wissen ist, was der erwachsene Hans später einmal zu dieser seiner Analyse gesagt hat: er konnte sich nicht an diesen Menschen da erinneren (an sich als kleinen Jungen), auch nicht an die meisten Begebenheiten und die ganze Sache käme ihm fremd vor. Kurz gesagt: er hat es wohl ingesamt verdrängt, so erfolgreich war die Behandlung. Freud freilich interpretiert das etwas anders, nämlich als eine Art erschrecktes Aufwachen aus einem schlechten Traum, sofortige Analyse dieses schlechten Traumes, darauffolgendes Schlafenlegen und – weil alles ohne Rückstände analysiert wurde – beruhigtes, erinnerungsloses Schlafen. Beim Aufwachen dann ist alles vergessen, weil die schlechte Traumepisode ja sofort analyisert wurde. Freilich verkürzt Freud hier ein bisschen, denn Hans wurde über fast 2 Jahre analysiert. Auch wird man nach dem Aufwachen aus einem schlechten Traum nicht geschlagen und unterliegt jahrelangen Sexualverboten. Und nicht zuletzt ist es doch durchaus von Unterschiedene beseelt, ob man nun geschlagen-werden träumt oder aber es in sehr jungem Alter häufig wirklich erlebt. Wer einmal geschlagen wurde, der kann das vielleicht wieder vergessen. Wer seine Kindheit über geschlagen wird (weil er Angst vor Pferden hat und (vielleicht?) deswegen nicht vor die Türe gehen mag), der vergisst das sicherlich nicht über Nacht oder überhaupt jemals: ausser er hat ein Trauma!

Schätzungsweise hat Freud das auch geahnt, denn diese Mitteilung des erwachsenen Hans, der sich an den kleinen Hans (also sich selbst als Kind) nicht mehr erinnern könne, getraut Freud sich nicht zu erklären.

Nach meinem Dafürhalten ist der kleine Hans nicht wegen der Analyse doch noch ein gesunder, erwachsener Mensch geworden, sondern trotz dieser Analyse. Denn jene hat gerade zementiert, wie die Eltern sich verhalten haben gegenüber dem Kinde und dies auch teilweise bewusst hingenommen, denn wie gesagt ahnte Freud, wie er in seiner Analyse schreibt, dass die unwahre Geschichte über die Fortpflanzung, die man Hans fortwährend erzählte, vielleicht nicht ganz so gut für die Analyse (der Sexualität (!) dieses Kindes!) an sich ist; weil Freud dagegen aber nichts gemacht hat, ist er eben auch bloß ein Agent dieser Lüge und ein umso schlimmerer, als er besser als die Eltern wusste, dass es eine durchaus schädliche Lüge sein könnte. Genau an diesem Punkt hat Freud – nicht das letzte Mal in seinem Schaffen – die Gewaltigkeit seiner eigenen Entdeckung – die Existenz des Unbewussten – selbst hintertrieben und ist jenem vielleicht letztlich selbst zum Opfer gefallen. Denn Freud hat, so kommt es mir jedenfalls immer mehr vor, wohl durchaus angenommen, weil er der „Erfinder“ der Psychoanalyse gewesen ist, könnte er den Fallstricken des Unbewussten entkommen. Anders gesagt hatte Freud den Wunsch, über der Beschränktheit der Mitmenschen seiner Zeit zu stehen und letztlich ganz außerhalb von ihnen und ihrer Geschichte. Bekannt ist auch, dass Freud immer Ruhm wollte. Es geschah aber bisher wohl jedem, der außerhalb der Geschichte seiner Zeit stehen und Ruhm ernten wollte, dass er darüber die eigene Eingebundenheit in die Geschichte vergaß und somit die Dummheit ganzer Epochen nur auf einem feineren, nicht aber wesentlich anderen Niveau wiederholte. Insofern ist er aber ein besserer, vielleicht auch ehrlicherer Spiegel seiner Zeit als bspw. das unsinkbare Schiff, welches 6 Tage nach dem Auslaufen aufs offene Meer ganz plump am Meeresboden zerschellte.